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Konstanze Schleehauf, Dr. phil., Diplom-Pädagogin,
autorisiert für die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (DKThR)


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THEATERARBEIT MIT PFERDEN

- auch für Kinder mit schwerer und / oder mehrfacher Behinderung -

EIN BESONDERES ERLEBNIS !

Dieser Artikel erschien in der Verbandszeitschrift des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten im Januar-Heft 2001


  1. Einleitung
  2. Zielsetzungen
  3. Phasen eines Theaterprojektes
  4. Der Verlauf des Theaterprojektes
  5. Wie es weiterging
  6. Literatur


 

1. Einleitung:

Theaterarbeit mit Pferden - wer kennt nicht wenigstens eine der mitreißenden, großen Inszenierungen. Sei es z.B. das Stück "Momo", inszeniert von verschiedenen Gruppen des DKThR (1), die kommerziell aufgemachte "Zauberwald" Geschichte oder andere. Im Bereich des Therapeutischen Reitens machte in den letzten beiden Jahren zudem ein belgisches Projekt, unter der Leitung von E. Lange und A. Schulz, auf sich aufmerksam, mit dramaturgisch großen Stücken wie z.B. dem "Schatz der Nibelungen" (2) und "Robin Hood" (3).

Ich selbst setze in meiner Arbeit das Theaterspiel auch immer wieder ein. Meist jedoch in vergleichsweise kleinen Inszenierungen, dann aber mit dem Ziel gerade auch Kinder mit schwerer und / oder mehrfacher Behinderung durch diese Arbeit mit dem Pferd Besonderes zu ermöglichen. An dieser Stelle möchte ich nun explizit von einem solchen Projekt berichten, welches ich über den Zeitraum von insgesamt sechs Monaten im Therapeutischen Reitprojekt Ira, im Ev. Johannesstift Berlin durchführte.

Die Teilnehmer waren drei Jungs, im Alter zwischen neun und zwölf Jahren:

  • Rüdiger *, ein Junge mit einer geistigen und leichten körperlichen Behinderung, welchem jeglicher Gefühlsausdruck schwer fiel.
  • Mark *, ein Junge mit einer mehrfachen Behinderung, d.h. er hat eine starke geistige Behinderung, spricht - verbal - fast nicht und ist, durch Spasmen in den Beinen und Armen, sowie einen Hüftschaden auf einen Rollstuhl angewiesen. Dieser Junge sollte längerfristig bei der Hippotherapie untergebracht werden, den Eltern war aber vorerst wichtig, daß er einen guten Kontakt zum Pferd aufbaut und die Integration in eine Gruppe erfährt.
  • Mathias *, ein Junge, welcher im Alltag durch große Scheu, viele Ängste und wenig Spaß an jeglicher Bewegung auffiel.

Ich arbeitete während der gesamten Zeit mit drei Praktikantinnen zusammen. So konnte jeder Junge die nötige Absicherung, bei gleichzeitiger optimaler Begleitung bekommen. Wir setzten drei Kleinpferde ein, d.h. jeder der Jungen hatte ein Bezugspferd, bei unseren wöchentlichen Treffen (jeweils 90 Minuten).

*) Die Namen wurden geändert.

 

2. Zielsetzungen:

  • Integration von Kindern mit verschiedenen Fähigkeiten: Die Pferde verbinden im gemeinsamen Tun, man fühlt sich weniger isoliert in der eigenen Rolle (als beim Theaterspiel ohne Pferde).
  • Soziale Kompetenzen fördern durch das gemeinsame Projekt: Alle Kinder sollten gleichwertig in dem Stück integriert sein und es miteinander erarbeiten.
  • Förderung der Kreativität und Phantasie: Durch das Einnehmen einer Rolle und durch das Verkleiden können Schranken der ängstlichen Zurückhaltung durchbrochen werden.
  • Nonverbale Ausdrucksmöglichkeiten erarbeiten: Im Falle dieser Gruppe war klar, daß das Stück selbst, inkl. allen Dialogen, vorgelesen wird. Dabei liegt für die Darsteller der Schwerpunkt automatisch auf den nonverbalen Ausdrucksmöglichkeiten. Gerade für Rüdiger und Mark, welche sich auch sonst viel nonverbal ausdrücken sollte dies eine deutliche Bewußtmachung ihrer Fähigkeiten bewirken.
  • Selbstbewußte Körpererfahrung: Durch das (passive) Reiten und die verschiedenen Übungen auf dem Pferd (z.T. mit Elementen aus dem Voltigieren) kann es im Sinne der Sensorischen Integration zu einem positiven Erleben des eigenen Körpers mit allen individuellen Fähigkeiten kommen. M. E. ist es wichtig, daß die Spannbreite dessen was die einzelnen Teilnehmer einer Theatergruppe vermögen nicht allzu weit auseinander differieren, um wirklich allen das Gefühl zu geben gleich gut zu sein (was ja gerade für Kinder häufig wichtig ist).
  • Umgang mit Ängsten: Dies wird natürlich bei den eigenen Ängsten immer wieder thematisiert und für das Kind annehmbaren Umgangsmöglichkeiten müssen gefunden werden. Gleichzeitig müssen aber auch die Pferde z.B. an die Kulissen gewöhnt werden, wodurch eine Relativierung der eignenen Ängstlichkeit möglich wird. (Wenn selbst das große Pferd Mal Angst vor etwas hat.)
  • Aufbau von Selbstbewußtsein: Dies ergibt sich zum einen aus dem bisher beschriebenen, zum anderen kommt aber noch hinzu, daß das Pferd als Mitdarsteller einen gleichsam selbst erhöht, durch seinen Ausdruck und mit ihm verbundenen Projektionen wie Eleganz, Stolz, Freiheit, ... .

 

3. Phasen eines Theaterprojektes:

  1. Erproben von theatralischen, darstellenden Möglichkeiten mit und ohne Pferde und Entwicklung von Phantasien.
  2. Gemeinsames lesen, vorlesen, zuhören der ausgesuchten und evtl. schon bearbeiteten Theatergeschichte und Besprechen der einzelnen "Teile" (Z.B. Figuren, Sequenzen,...).
  3. Erarbeiten der verschiedenen Rollen im gemeinsamen Erproben.
  4. Verfestigung und detailliertes Erarbeiten der verschiedenen Rollen im intensiven, einzelnen Proben.
  5. Gemeinsames Gestalten der Kulissen und Kostüme und Gewöhnung der Pferde.
  6. Gemeinsame Proben zum Erleben des Gesamten.
  7. Auswahl von Musik und akustischer Untermalung.
  8. Generalprobe mit allen Kostümen, Requisiten, Helfern, Musik, ... .
  9. Aufführung
  10. Abschlußfest für alle TeilnehmerInnen, HelferInnen, evtl. mit Video der Aufführung.

 

4. Der Verlauf des Theaterprojektes:

Zu Beginn (wie Punkt 1 im Kasten) sollten allen drei Jungen verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten im darstellenden Spiel erfahrbar gemacht werden. So inszenierten wir vermehrt Spiele bei welchen z.B. dicke + dünne Menschen, verschiedene Tiere oder einfach darzustellende Gefühle (Freude, Trauer, frieren, schwitzen,...) (nach-)gespielt werden sollten. (Z.B. während die drei Jungen auf ihren Ponies hintereinander hergeführt wurden, auch ähnlich manchen Voltigierspielen, wenn alle Kinder hinter dem longierten Pferd hergehen.)

Dann stand gerade die Faschingszeit ins Haus und so konnten sich die Jungen in den folgenden Wochen mehrmals verkleiden. - Sei es aus dem Fundus unserer Verkleidungskiste oder daß sie - am Faschingssonntag - schon verkleidet kommen durften. Aus den so angenommenen Rollen entwickelten wir dann spielerisch und gemeinsam kleine Sequenzen: Beispielsweise wählte Rüdiger immer wieder eine große Sonnenbrille nebst Sonnenhut und erzählte von sich aus von den letzten Sommerferien am Meer. Er spielte auf dem Pferd einzelne Erinnerungen nach, wie das Abholen einer Freundin bei deren Ferienhaus, die Begrüßung, das Rennen zum Meer (schneller reiten), das Planschen, das Einreiben mit Sonnenmilch und das faule Liegen in der schön warmen Sonne, wobei er sich wohlig auf dem Pferd räkelte. Bei der Entwicklung dieser Spielsequenzen bekam er anfangs leichte Unterstützung, da es ihm noch fremd schien. Im weiteren Verlauf entwickelte er differenziertere Handlungen und fand großen Gefallen im Wiederholen und ausgiebigen Spiel der verschiedenen Erinnerungen. (Z.B. hatte er zu Beginn große Schwierigkeiten das Einreiben mit der fiktiven Sonnenmilch zu verstehen, machte es später dann aber mit großer und lange anhaltender Begeisterung.)

Nach dieser Phase zur Entwicklung von Phantasien nutzten wir zwei Treffen zum Vorlesen und Besprechen der von mir ausgewählten und leicht veränderten Geschichte: "Komm wir finden einen Schatz" nach Janosch. Verändert hatte ich sie zugute leicht nachspielbarerer und dramaturgisch für alle drei Jungen nachvollziehbarer Szenen. Des weiteren hatte ich die leider bei Janosch vorkommenden sexistischen Teile herausgestrichen (z.B. das verrückte Huhn). (3)

So ergaben sich die Rolle des Kleinen Bären und des Kleinen Tigers, welche von Rüdiger und Mark übernommen wurden. Mathias übernahm insgesamt vier kleinere Rollen: die des blinden Maulwurfs, den Löwen mit den blauen Hosen, die des Reiters mit seinem Pferd und den Räuber Hablitzel. Zu allen Rollen schauten wir gemeinsam Bilder an (z.B. in einem Tierlexikon) und überlegten wie sie umzusetzen sein könnten.

Im dritten Abschnitt erarbeiteten alle gemeinsam die verschiedenen Rollen, wobei noch nicht das gesamte Stück durchgespielt wurde. (Dies hätte die Aufmerksamkeit der Jungen noch nicht zugelassen.)

Die folgenden beiden Abschnitte (4) und (5) liefen dann parallel ab: Während jeweils ein Junge seine verschiedenen Spielsequenzen einzeln mit seinem Pferd probte, saßen die anderen beisammen und bastelten an den Kulissen.

Der kleine Bär und der kleine Tiger durften ja während des gesamten Stücks anwesend sein und hatten die für sie möglichen Handlungen entwickelt, z.B. Gesten wie "Lauschen" mit einer Hand am Ohr, auf bestimmte Dinge zu zeigen, sich hinzulegen oder sich - verbunden durch ein buntes Seil zu "führen". So füllten sie die beiden Hauptrollen des Stückes mit den ihnen möglichen Handlungen aus. Mathias hatte dafür verschiedene, spektakulärere Rollen, war zwar nicht beständig dabei, hatte aber seine "Spezials". So stellte er sich z.B. als Löwe auf sein (stehendes) Pferd und brüllte bzw. durfte als Räuber die Tasche mit den goldenen Äpfeln greifen - von dem an der Longe trabenden Pferd aus.

Auch beim Basteln der Kulissen wählten wir möglichst einfache für alle drei Jungen machbare Techniken. So wurden die benötigten Bäume aus großen Pappen ausgeschnitten und (großflächig) angemalt, die goldenen Äpfel waren aus Zeitungspapier geknüllte und mit Goldfolie umwickelte Kugeln (welche dann mit Hilfe von Klettband "gepflückt", bzw. wieder befestigt werden konnten).

In den sich anschließenden Wochen spielten wir das Stück insgesamt dreimal mit allen Jungen gemeinsam durch. Dazwischen setzten wir aber auch einzelne HPVR-Einheiten bei welchen wir zur Abwechslung um unser Feld ritten oder Reitspiele machten. - Eine Ermüdung der Jungen hinsichtlich der Lust am Theaterspiel wäre ansonsten gewiß gewesen. In diese Zeit fiel dann auch die Gewöhnung der Pferde an die neuen Kulissen. Wir hatten dies natürlich vorab schon erprobt, bevor wir das erste Mal gemeinsam mit den Kindern die Pferde z.B. an die Bäume heranführten und beobachteten wie sie bei den Geräusch des Klettbandes reagierten. - Wir hatten also sichergestellt daß keine heftigen Reaktionen zu erwarten waren, wollten den Jungen aber - wie oben beschrieben - verdeutlichen daß dies alles auch für ihre Pferd aufregend und z.T. auch etwas beängstigend sein konnte. Das gemeinsame Gelingen konnte so einen noch höheren Stellenwert gewinnen.

Als dann die Musik und alle akustischen Untermalungen ausgewählt waren hatten wir noch zwei abschließende Proben mit allen Kostümen, Helfern (z.B. der Mutter welche freundlicherweise den Text vorlas), Musik (plus "DJ"), und Requisiten (ein Junge mußte ja z.B. sehr schnell die Maulwurfsbrille mit der Löwenmaske, diese dann wieder mit der Mütze des Räubers und zuletzt wieder mit der Maulwurfsbrille vertauschen).

Der große Tag der Aufführung gelang dann auch sehr gut, im Rahmen eines Sommerfestes in unserem Reitprojekt. Die Rückmeldungen von Seiten der ZuschauerInnen waren durchweg positiv: Sie beschrieben daß sie ebenso "gebannt" gewesen wären wie bei größeren Inszenierungen und die Freude der spielenden Jungen sehr mitreißend war.

 

5. Wie es weiterging:

Von den Eltern aller drei Jungen wurden hinsichtlich des Theaterprojektes viel positives gemeldet. Alle drei Jungen hatten sich währenddessen und auch danach noch viel mit dem darstellenden Spiel beschäftigt, z.B. Zuhause davon gesprochen, einzelne Sequenzen wiederholt etc.. Da ja alle drei zuvor sehr zurückhaltend im Ausdruck von Gefühlen waren, ist darin schon ein großer Fortschritt zu sehen.

Rüdiger kam nach den Sommerferien in eine HPR - Gruppe. Sein Wunsch ist es richtig reiten zu lernen. Er hat innerhalb des Theaterprojektes viele Kompetenzen im Umgang mit dem Pferd erlangt: Während er zu Beginn noch vorbehaltlos an jedes Pferd heranging und ihm z.B. an die Augen oder ins Maul fassen wollte (ähnlich wie er selbst seine Gefühle nicht wahrzunehmen schien und nicht auszudrücken vermochte) hatte er nun schon gelernt die Gefühle und Grenzsetzungen der Tiere frühzeitig wahrzunehmen und zu respektieren. - Ein wichtiger Schritt somit um vom passiven zum aktiven Reiten wechseln zu können.

Mark hatte durch die Einbindung in die Gruppe gelernt, daß alle ganz selbstverständlich die Sorge um die Pferde übernehmen. Nachdem er zu Beginn der Maßnahme seine Bürste in der Regel einfach fallenließ, gehört es für ihn jetzt ganz normal dazu das Pferd gemeinsam mit seiner Therapeutin vor dem Reiten zu bürsten. Auch ist seine Kooperation bei einzelnen Aufgabenstellungen wesentlich größer geworden (z.B. verschiedene Armbewegungen auszuführen). - Eine Grundvoraussetzung für die Arbeit in der Hippotherapie.

Mathias nahm in den sich anschließenden Sommerferien an einem Ferienlager für Voltigierkinder teil. Gestärkt durch seine Erfahrung in einer Gruppe besonders gut zu sein und einmal etwas besser zu können als die anderen Kinder, traute er sich dann auch alle Voltigierübungen zu. - Genauso wie die anderen Kinder dieser Feriengruppe, welche zuvor aber schon länger in HPV-Gruppen waren. So konnte er sein Kleines Hufeisen im Voltigieren ohne Probleme absolvieren.

Für mich war der gesamte Weg zu diesem gemeinsamen Theaterstück das besondere Erlebnis. Mir wurde ein weiteres Mal sehr deutlich, wie das Besondere gerade auch im ganz Kleinen liegen kann.

 

6. Literatur:

  1. Hierüber nachzulesen ist z.B. auch im DKThR-Heft Nr. 1/96 und 1/99
  2. Hierüber wurde berichtet im DKThR-Heft Nr. 2/99
  3. Siehe hierzu auch den Reader von E.Lange und A. Schulz "Robin Hood - Theaterspielen mit Kindern und Pferden", zu beziehen beim Reit- und Therapiezentrum Botzalaer / Route des Trois Bornes 54 / B - 4851 Gemmenich.
  4. Janosch: Komm, wir finden einen Schatz, Weinheim und Basel 1979

 

 

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