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Konstanze Schleehauf, Dr. phil., Diplom-Pädagogin,
autorisiert für die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (DKThR)


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THERAPEUTISCHES REITEN IN REITVEREINEN

Dieser Artikel erschien in "Reiten und Zucht in Berlin-Brandenburg" im Juli-Heft 2001


In den letzten Jahren haben sich in der gesamten Region Berlin-Brandenburg begrüßenswert viele Reitvereine und sportlich- oder Freizeit orientierte Reitställe offen für die Belange des Therapeutischen Reitens gezeigt. Der Wunsch auch im reiterlichen Kreis soziales Engagement zu zeigen ist hierfür häufig der Ausgangspunkt, z.T. begleitet von der Suche nach einer neuen Einnahmequelle.

So positiv - bzw. verständlich - wie ein solches Ansinnen zu sehen ist, so unweigerlich bringt es aber häufig auch neue Herausforderungen und zuvor nicht geahnte Schwierigkeiten mit sich.

Zuerst muß einem Anbieter des "Therapeutischen Reitens" klar sein, daß es nicht nur eines braven, langsamen Pferdes, einer sozial engagierten Reiterin und einer Gruppe der nächst gelegenen Einrichtung für - wie auch immer - "behinderter" Menschen bedarf um sich des Therapeutischen Reitens rühmen zu können. Je nach Fachrichtung des Therapeutischen Reitens sind entsprechende Fachkräfte nötig um qualifiziert gut und versicherungstechnisch abgesichert zu arbeiten.

An die Anlage und Ausrüstung werden entsprechende Voraussetzungen gestellt, z.B. sollte die Hippotherapie in der Halle unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden und um Menschen mit körperlichen Handikaps das sportliche Reiten zu ermöglichen bedarf es häufig spezieller Sättel, Zügel und Hilfszügel. - Ein Grund somit weshalb die "neue Einnahmequelle" häufig anfangs von Investitionen geprägt ist.

Die Pferde sollten für alle drei Fachrichtungen eine fundierte dressurmäßige Grundausbildung haben und regelmäßig ausgleichend gearbeitet werden. D.h. nicht nur unter Reitschülern sondern auch therapiegerecht an der Hand nach L. Tellington-Jones, am Langzügel und im Voltigierbezogenen Longieren, sowie zum Ausgleich im Gelände. Das Therapiepferd sollte auf Stimme und feine Signale geschult sein und trotz jahrelangen Einsatzes auch so empfindsam bleiben können. Können Sie derartige Grundideen auch für Ihre Schulpferde umsetzen? Häufig ist dies aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich.

Therapiepferde sollten dem Menschen zugewandt und von gutem Charakter sein. In diesem Zusammenhang kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, daß ein interessiertes, waches aber ausgeglichenes Pferd absolut nichts mit dem traurigen Bild des oft "abgeschalteten" Reitschulpferdes gemeinsam hat. Ein Pferd welches im Herdenverband unter natürlichen Bedingungen leben kann, wird sein soziales Wesen behalten und - da die ständige Bewegung auf einem Paddock o.ä. der Natur des Steppentieres am ehesten entspricht - sich selbst mit den besten Ausgleich schaffen. Dies birgt häufig schon viel Konfliktstoff, leider gerade in sportlich ausgerichteten Ställen, wo für die Pferde (u.U. gerade auch für die sog. Schulpferde) viel zu wenig, bzw. in den kälteren Jahreszeiten, oft gar kein Koppelgang vorgesehen ist.

Gerade für das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren, sowie für das Reiten als Sport für Menschen mit Handikaps, muß des weiteren gesehen werden, daß die Spannbreite der Arbeit von der Arbeit vom Boden aus (Streicheln, Kontakt herstellen,...), dem ruhigen Schritt (geführt oder an der Longe) über Voltigierspiele und -übungen in allen drei Grundgangarten, bis hin zu fetzigen Reiterspiele,. anspruchsvoller Dressur und Ausritten alles und noch viel mehr beinhalten kann. Denn auch die Menschen welche an diesen angeboten teilnehmen sind aus den unterschiedlichsten Gründen dabei. So werden z.B. die Interessen und das Können von Menschen mit mehrfacher Behinderung anders liegen als bei sog. verhaltensauffälligen Kindern. M.E. sollte sich in diesem Zusammenhang auch jeder Verein welcher Therapeutisches Reiten anbieten möchte, verschiedene Situationen vor Augen führen: Wie geht es Ihnen, wenn sie Ihre Freizeit mit Ihrem Pferd genießen wollen und ganz in Ihrer Nähe tobende, lachende oder streitende, nicht immer leise Kinder mit ihrem Therapiepferd beschäftigt sind? Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich auf einen ruhigen Ausritt freuen und beim Putzen Ihres Pferdes immer wieder von dem - Ihnen absonderlich erscheinenden - Verhalten Gleichaltriger abgelenkt und verwirrt werden?

Des weiteren muß darauf hingewiesen werden, daß alle Sparten des Therapeutischen Reitens im Grunde in einem abgegrenzten Rahmen stattfinden sollten. D.h. sowohl aus versicherungstechnischer Sicht, als auch im Wunsch nach einem "Schutzraum" während der Therapiesituation, ist es nicht zu vertreten das gleichzeitig andere ReiterInnen auf dem Platz/in der Halle sind. - Haben Sie solche freien Zeiten auf Ihrer Anlage? - Auch Menschen mit Behinderungen gehen zur Schule oder zur Arbeit und kommen u.U. genau zur selben Zeit wie Sie in den Stall.

Daß Sie mich richtig verstehen: Ich begrüße das Engagement für Therapeutisches Reiten allerorts und möchte Ihnen ein etwaiges Vorhaben in dieser Richtung nicht ausreden. Aber durch das Scheitern vieler derartiger Versuche und das Beobachten von unqualifizierter und oft unbedachter Fahrlässigkeit ist es wichtig, daß in Zukunft die Fehler bedacht werden welche andere schon gemacht haben. Die Öffnung Ihrer Reitanlage für die Belange des Therapeutischen Reitens beinhaltet nicht nur ein zur Verfügung stellen von Pferden und Anlage, dies beinhaltet auch eine Akzeptanz im Ihnen eventuell fremden Umgang mit Pferden, eine Sicht auf die Tiere als nicht nur wirtschaftliche Faktoren und ein offen sein für Menschen welchen Sie in Ihrem Alltag sonst nicht begegnen. Dann erst kann Integration für alle Beteiligten erfolgen und auch wir "Nichtbehinderten" können davon sicherlich profitieren.

 

 

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