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Konstanze Schleehauf, Dr. phil., Diplom-Pädagogin,
autorisiert für die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (DKThR)


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GRUNDLAGENREFERAT ZUM HEILPÄDAGOGISCHEN VOLTIGIEREN UND REITEN

im Rahmen einer Informationsveranstaltung für Fachkräfte im Jugendhilfebereich
der Fachgruppe "Pferde als Medium in Psychotherapie und Pädagogik"
Mai 2003


  1) Überblick zum Therapeutischen Reiten und die Ausbildung der verschiedenen Fachkräfte
  2) Das sog. Heilpädagogischen Voltigieren und Reiten (HPVR)
      a) Genaueres zur Ausbildung der Fachkräfte
      b) Der zeitliche Rahmen
      c) Die am HPVR teilnehmenden Menschen
      d) Die Inhalte im HPVR
      e) Die Voraussetzungen an die Einrichtung, Durchführungsbedingungen und Qualitätssicherung


 

1) THERAPEUTISCHES REITEN

Wie Sie anhand dieser Übersicht sehen können, kann das sog. Therapeutische Reiten in drei Fachrichtungen unterteilt werden, wobei es klare Unterscheidungskriterien gibt, aber auch deutliche Überschneidungen. So kann es z.B. auch vorkommen, dass ein Mensch welcher mit der Hippotherapie oder dem Heilpädagogischen Reiten begonnen hat, später zum Pferdesport für Menschen mit Behinderung wechselt.

Die Hippotherapie wird als medizinisch/physiotherapeutische Interventionsform beschrieben. Das Pferd wird hierbei zu 99% im Schritt geführt. Durchgeführt wird die Hippotherapie von PhysiotherapeutInnen mit entsprechender Zusatzqualifikation. Die teilnehmenden Menschen kommen mit ihren Problemen in erster Linie aus den Bereiche der Neurologie, Neuropädiatrie und Orthopädie. So wird die Hippotherapie z.B. bei Multipler Sklerose, bei Schädelhirntrauma und bei den zentralnervösen Bewegungsstörungen der frühkindlichen Hirnschädigung mit viel Erfolg eingesetzt. Für die Hippotherapie bedarf es auf jeden Fall einer ärztlichen Verordnung und der gesundheitliche Verlauf muss regelmäßig vom behandelnden Arzt überwacht werden.

Der Pferdesport für Menschen mit Behinderung stellt die Gedanken von Integration und Rehabilitation beim sportlichen und freizeitmäßigen Reiten und Kutschieren für Menschen mit Behinderungen in den Vordergrund. Durchgeführt wird es von Reitlehrkräften mit entsprechender Zusatzausbildung. Zum Einsatz kommt die auf jeden Menschen abgestimmte Ausrüstung, wie z.B. besonders abgepolsterte Sättel oder für den Gebrauch mit einem Rollstuhl umgebaute Kutschen.

Nun komme ich zu unserem eigentlichen großen Thema: das sog. Heilpädagogische Voltigieren und Reiten, kurz HPVR genannt, welches sich im pädagogisch / psychologischen Bereich sieht.

   

2) HEILPÄDAGOGISCHES REITEN UND VOLTIGIEREN

a) Die Ausbildung der Fachkräfte:

Gerade im Hinblick auf die Zusatzausbildungen in diesem Bereich gibt es inzwischen eine für Laien undurchsichtige Anzahl von Institutionen und Privatinitiativen.

Wir als Arbeitskreis Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten Berlin Brandenburg vereinen verschiedenen pädagogischen und psychotherapeutische Fachkräfte mit unterschiedlichen Grundausbildungen aber nur drei verschiedenen Zusatzqualifikationen:

  • Der Ausbildung des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten, als älteste und fundierteste Organisation Deutschlands, sowie die von ihr anerkannten Ausbildungen des
  • Förderkreises für Therapeutisches Reiten und der
  • Schweizer Gruppe Therapeutisches Reiten.

Alle Zusatzausbildungen können von Menschen mit einem pädagogischen oder psychologischen Grundberuf erlangt werden, soweit sie auch entsprechende reiterliche oder voltigierfachbezogene Qualifikationen nachweisen.

Wichtig ist aber auch der Blick auf die verschiedenen Grundberufe: So wird natürlich eine Sozialpädagogin, welche evtl. ihren besonderen Schwerpunkt auf die Psychomotorik legt, das Medium Pferd anders einsetzen wie z.B. eine Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt in Verhaltenstherapie.

Es gibt Ansätze welche im Erlebnispädagogischen - und Gestalttherapeutischen Bereich liegen. Es gibt die Verknüpfung systemischer Familientherapie in der Arbeit mit dem Pferd, aber auch Schwerpunkte in Psychoanalyse, in der Körpertherapie, in der Gesprächstherapie oder in pädagogischen Ansätzen wie der Theaterpädagogik und die Einbeziehung von Rollenspielen aus dem Psychodrama.

 

b) Der zeitliche Rahmen:

Diese verschiedenen Herangehensweisen und Konzepte spiegeln sich natürlich in der Gestaltung der HPVR - Einheiten:

Hiernach richtet sich die Gestaltung des Settings und der Umfang der Maßnahme. So wird in der Psychotherapie mit dem Medium Pferd innerhalb des Pferdeprojektes der FU-Berlin, z.B. häufig ein wöchentlicher Psychotherapietermin in der Praxis mit einem ebenfalls wöchentlichen Termin bei den Pferden verknüpft. In der Heilpädagogischen Frühförderung mit Vorschulkindern, wie auch ich sie durchführe, ist das Kind in der Regel jedoch nur 30 bis 45 Minuten, einmal wöchentlich bei mir. Es gibt Kolleginnen welche im Rahmen des § 30 als Erziehungsbeistand ein Setting von drei Stunden konzipieren. Bei uns, im therapeutischen Reitprojekt Ira, setzten wir für die Einheiten mit älteren Kindern und Jugendlichen sowohl einzeln, wie auch in Gruppen 60 bis 120 Minuten an.

In der Regel wird davon ausgegangen dass eine Mindestlaufzeit von einem Jahr gegeben sein sollte. Häufig ist eine Übertragung der Erfahrungen aus der Therapie in den Alltag aber nach einer längeren Laufzeit tiefergehend möglich.

Haben Sie das Angebot mehrerer qualifizierter HPVR - Einrichtungen in ihrem Bezirk, so sollte letztlich genau abgewogen werden welches Angebot nun für den Hilfesuchenden das Optimale ist.

 

c) Die am HPVR teilnehmenden Menschen:

Im Heilpädagogischen Reiten und Voltigieren (HPVR) können - je nach Zielsetzung - die verschiedensten Menschengruppen angesprochen werden. Diese sind z.B.:

  • Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistiger Behinderung,
  • Kinder und Jugendliche mit sog. Verhaltensauffälligkeiten,
  • Kinder und Jugendliche mit autistischen Syndromen,
  • Menschen mit Mehrfachbehinderungen,
  • Kinder welche eine Frühförderung im Bereich der sensorischen Integration benötigen,
  • Menschen mit Behinderungen im Wahrnehmungsbereich (z.B. Sehbehinderung, blinde Menschen, Menschen mit Hörbehinderung, gehörlose Menschen),
  • Menschen mit Suchtproblematiken und
  • Menschen in psychischen Problemsituationen wie z.B. Mädchen und Frauen welche von familiärer Gewalt betroffen sind.

 

d) Die Inhalte im HPVR:

Wie Sie später noch an unseren Infotafeln und am Büchertisch sehen werden, gibt es eine sehr große Zahl wissenschaftlicher und praxisbezogener Arbeiten zu den Wirkungsmöglichkeiten des HPVR. Im Folgenden habe ich die verschiedenen, in Betracht kommenden Inhalte nach Bereichen aufgegliedert, welche bei den einzelnen, eben angeführten Menschen berührt werden können. Diese Vielfalt wird individuell auf (und ggf. auch mit) den teilnehmenden Menschen abgestimmt und kann sich im Lauf des pädagogisch / therapeutischen Prozesses verändern.

Im Bereich der sensorischen Integration / Sensomotorik werden alle Sinne angesprochen: taktil, akustisch, visuell, olfaktorisch, kinästhetisch und vestibulär wird der gesamte Mensch beteiligt. Somit setzt sich in dieser optimal angelegten Afferenzsynthese jeder Mensch sehr umfassend mit sich und seiner Umwelt auseinander, woraus eine Verbesserung seines sensomotorischen Handelns entwickelt werden kann. Dies kann sozusagen nebenbei geschehen, z.B. eingebunden in Spielsituationen beim Heilpädagogischen Voltigieren, aber auch durch bestimmte Übungen forciert werden.

Hierzu möchte ich ihnen einige Videoausschnitte zeigen. Einmal werden sie einen fünf Jahre alten Jungen sehen welcher im Rahmen der Heilpädagogischen Frühförderung zum Zeitpunkt der Aufnahme ein gutes halbes Jahr bei mir war. Die Zielsetzungen für ihn lagen in den sensomotorischen Bereichen von Körperspannung und Gleichgewicht. Ihm sollte ermöglicht werden vermehrt seine eigene Mitte zu finden um sich so auch insgesamt besser konzentrieren zu lernen. Zu Beginn der Maßnahme war er z.B. nicht in der Lage sich auf dem Pferd allein auszubalancieren und bemerkte es selbst nicht wenn er ins Rutschen kam. Durch verschiedene Übungen wurde er zunehmend mutig und selbstständig. Die Mutter beschreibt auch dass er im Alltag wesentlich eigenständiger geworden ist, seit einem Monat erstmals Dreirad fährt und sich selbstständig anzieht.

Zum Abschluss sehen sie auf diesem Video noch eine junge Frau beim "Putzen" des Pferdes ohne irgendwelche Utensilien. Sie hat neben einer geistigen Behinderung auch eine Halbseitenlähmung. Auch sie ist zum Zeitpunkt der Aufnahme seit einem halben Jahr bei uns. Zu Beginn setzte sie ihre rechte Hand praktisch überhaupt nicht ein. Bei der Sequenz welche sie gleich sehen werden hatte sie dies spontan selbst getan.

(Videovorführung während des Vortrags)

Schaue ich nun auf die Fähigkeit des Pferdes den Menschen zu tragen, so muss mir bewusst sein, welch entwicklungspsychologische frühe Erfahrung hierbei angesprochen, erinnert oder auch nachgeholt werden kann.

Sich von dem Pferd tragen zu lassen kann bedeuten, Verantwortung abzugeben und zu entspannen. Durch Körperwahrnehmungsübungen können diese Erlebnisse unterstützt, bzw. intensiviert werden. Die Ausrichtung der HPVR-Fachkräfte reicht hier von der Übertragung körpertherapeutischer Ansätze (wie z.B. der Feldenkrais-Arbeit oder der Alexander-Technik), über die Arbeit mit dem bewussten Atem (z.B. nach Middendorf) bis hin zu psychomotorischen Konzepten.

Im psychischen Bereich kommen die realen Eigenschaften des Pferdes ins Blickfeld zur Vermittlung bestimmter Werte und Handlungskompetenzen. Diese sind z.B. die Ruhe, Klarheit und das Durchsetzungsvermögen wodurch wir Menschen mit dem Herdentier Pferd kommunizieren können. Durch die Möglichkeit zur Kontrolle über das Pferd (wenn vom Kind beim Führen oder Reiten die Rolle des Leitenden eingenommen wird) kann eigenverantwortliches Handeln und somit die Selbstsicherheit gestärkt werden.

Gleichzeitig wird von Pferden die Eindeutigkeit im eigenen Verhalten immer aufs Neue gezeigt aber auch gefordert und somit für uns Menschen transparenter.

Diese Werte und Handlungskompetenzen können einerseits im Hinblick auf klare Verhaltensänderungen pädagogisch oder verhaltenstherapeutisch genutzt werden. (Z.B. wenn klare und einsehbare Regeln im Umgang mit dem Pferd thematisiert und eingeübt werden - im Idealfall durch die direkte Rückmeldung des Pferdes.)

Sie können für die teilnehmenden Menschen aber auch Anstöße sein sich ohne direktive Hinweiße, selbst neu zu erleben. (Beispielsweise kann im Sinne der Ressourcenorientierung an die in der Regel hohe Motivation mit dem Pferd zu arbeiten angeknüpft werden um Neigungen und Fähigkeiten zu unterstützen.)

Pferde sind Herdentiere mit einer klaren Rangordnung und einem ausgeprägten Sozialverhalten. Sie zeigen in erster Linie unmittelbare Reaktionen, und zweigleisiges / hinterhältiges Denken ist ihnen fremd. In dieser Form können Beziehungsmuster neu erlebt werden, welche aus Kommunikation, d.h. Austausch und Wechselseitigkeit bestehen.

Durch die nicht zwingend verbale Kommunikation mit dem Pferd kann diese Fähigkeit in ihrem Ursprung erlebt und erprobt werden, was generell die kommunikative Entwicklung stärken kann. Die lautsprachliche Kommunikation mit dem Pferd wird dann je nach Teilnehmer ebenfalls integriert und u.U. bzgl. den damit verbundenen Gefühlen thematisiert.

Diese Thematisierung von Gefühlen kann in vielen Bereichen relevant werden. (Wie ich es bspw. bezüglich dem "sich tragen lassen" andeutete.) Als Beispiel möchte ich hier kurz auf die Gefühle von Unsicherheit und Angst eingehen:

Beide können gleichermaßen im Kontakt mit dem Pferd entweder deutlich hervortreten oder auch gegenüber Alltagserfahrungen zurückbleiben. Ein Mensch etwa welcher sich im Alltag oft ängstigt kann durch den Kontakt mit dem ihm vielleicht stark und beschützend erscheinendem Pferd Unternehmungen wagen die er sich selbst sonst nicht zugetraut hätte. Ein Kind welches sonst ein großspuriges Verhalten an den Tag legt wird in der Arbeit mit dem großen Pferd vielleicht erstmals über Ängste sprechen können.

Die Unsicherheit einer Jugendlichen weicht beim Führen eines Pferdes eventuell durch ihre Umsicht und Klarheit. Eine andere Jugendliche kann in der gleichen Übungssituation ihr Pferd vielleicht die ersten Male nicht anhalten da sie die Hinweiße dazu nur zaghaft vermittelt. Die jeweilige Fachkraft muss immer entscheiden in welchem Maß sie diese Erlebnisse geschehen lässt oder abfängt, wann und wie häufig sie offen besprochen werden oder als Erlebnisse stehen bleiben. Auch hinsichtlich der Thematisierung von Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen kommen wiederum verschiedene Ansätze ins Blickfeld: So gibt es ebenso HPVR-Fachkräfte welche Elemente aus dem NLP integrieren, wie auch Vorgehensweisen im Rahmen der Gestalttherapie oder der klientenzentrierten Gesprächstherapie.

All die bislang beschriebenen Themen können dazu beitragen dass Selbstvertrauen und eine bewusstere Selbsteinschätzung erlangt werden.

Die zahlreichen Projektionen auf Pferde entspringen zwar meist menschlichen Wünschen und Werten, können aber auch eine wichtige Rolle bei der eigenen Entwicklung spielen. Als solche Projektionen sind zu sehen:

  • Der Mut des Pferdes, das in Wahrheit ein Fluchttier ist, wird tatsächlich von dem teilnehmenden Menschen aufgebracht, wenn er das Pferd z.B. motivieren ein Hindernis zu überwinden. So kann es auch hier zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins kommen.
  • Der Stolz des Pferdes entspringt der menschlichen Interpretation der Körperhaltung des Pferdes. Trotzdem strahlt er gleichsam auf uns zurück und macht auch den Reitenden stolz.
  • Die Freiheit des eigentlich domestizierten Pferdes ist ein Bild wie in der Werbung. Durch den erweiterten Raumgriff beim Reiten und durch die Verbundenheit mit der Natur kommen hier jedoch weitere Erfahrungen hinzu, welche die am HPVR teilnehmenden Menschen ein Stück Freiheit erleben lassen.
  • Die Treue des Pferdes bringt einen menschlichen Wert zum Ausdruck, welcher durch das oben beschriebene eindeutige und vorurteilsfreie Pferd unterstütz wird. Auch dies ermöglicht eine Selbststärkung.
  • Das Pferd steht auch als Symbol für Natur, gerade in unserer hochtechnisierten Welt. Durch die naturnahen Erlebnisräume bei den Pferden kann ein wohltuender Ausgleich geschaffen werden.

Im kognitiven Bereich kann die Arbeit mit dem Pferd Lernfelder erschließen. Im Idealfall wird so die Lernmotivation und Lernfähigkeit unterstützt. So kann auch im Rahmen des HPVR die Teilnahme an einer reiterlichen Prüfung oder eine Aufführung wichtig werden.

Auch hierzu ein kurzer Videoausschnitt von einem jugendlichen Mädchen. Ihre ErzieherInnen beschrieben sie zu Beginn der Maßnahme als wenig Selbstbewusst und in ihrem Körperausdruck als sehr steif und zusammengesunken. Das Video zeigt sie bei ihrer ersten reiterlichen Prüfung im Rahmen des HPR.

(Videovorführung während des Vortrags)

Die Entwicklung von Problemlösungsstrategien wird allein schon durch den Wunsch mit dem Pferd klar zu kommen bestärkt und kann in entsprechenden Situationen tiefergehenden thematisiert werden. Gerade im Zusammenhang mit erlebnispädagogischen Elementen, wie z.B. einem Wanderritt, kann die Problemlösung ein wichtiger Inhalt sein. So regnete es bei einem von mir geführten Ritt die erste Hälfte des Tages. Aber diese Situation dann in der Gruppe zu meistern (z.B. in der Pause auf offenem Feld, die Sättel und das eigene Butterbrot trocken zu halten) hat soviel für das Selbstverständnis der Gruppe bewirkt, dass ich sie nicht missen möchte.

Zu guter letzt komme ich nun zum soziotherapeutischen Bereich.

Gruppendynamische Aktionen kommen hierbei ins Blickfeld wenn mit größeren Gruppen gearbeitet wird. So sind z.B. viele Spiele im Heilpädagogischen Voltigieren auf das Thema der Gruppendynamk ausgerichtet. Partnerschaftliche Momente werden wichtig, etwa wenn mit dem Pferd Schwierigkeiten im Führparcours gemeistert werden. Aber auch zwischen den teilnehmenden Menschen kann dies angeregt werden, z.B. wenn jeweils ein Kind ein anderes auf dem Pferd führt und sie sich über den gemeinsamen Weg abstimmen müssen. Der Aufbau von gegenseitigem Vertrauen und die Kooperation ist bei all diesen soziotherapeutischen Themen immer zentral. Ein Beispiel möchte ich Ihnen nun noch auf Video zeigen. Auch hier ging es um partnerschaftliche Momente, in Verbindung mit dem Thema Sinneswahrnehmungen: Ein Kind hat hier die Augen verbunden und wird durch ein anderes nur durch Geräusche geleitet. Des weiteren möchte ich darauf hinweisen, dass beide Jungen eine Diagnose für Hyperaktivität haben (was ansonsten aus dem Film nicht unbedingt deutlich wird).

(Videovorführung während des Vortrags)

Einen weiteren Einblick in unsere vielfältige Arbeit sollen später die verschiedenen Infotafeln und unser Büchertisch ermöglichen.

 

e) Die Voraussetzungen an die Einrichtung, die Durchführungsbedingungen und die Qualitätssicherung

Unabdingbare Voraussetzungen sind:

  • die optimale Ausstattung der Anlage (z.B. gute Zugangsmöglichkeiten für Menschen mit Rollstühlen, vielfältige Möglichkeiten für die Arbeit mit dem Pferd, u.U. Sichtschutz vor anderen Besuchern),
  • gut geeignete und ausgebildete Therapiepferde, welche durch natürliche Haltungsbedingungen (Offenstall) ein ausgeglichenes Temperament behalten können und regelmäßig ausgleichend gearbeitet werden,
  • die fachspezifische Ausbildung der Hauptverantwortlichen sowie die entsprechende Schulung der HelferInnen,
  • Supervision, kollegiale Beratung und Fortbildung für die HPVR - Fachkraft.
  • Eine angemessene Vor- und Nachbereitung jeder Einheit und
  • Gespräche mit Eltern, PädagogInnen, TherapeutInnen sind in die Planung und den Arbeitsverlauf zu integrieren.

Ein Teil dieser Kriterien wird auch überprüft, wenn eine Einrichtung die Qualitätsplakette des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten erhalten möchte. Diese Plakette ist ein mögliches Merkmal mit welchem Sie sich für die Qualität des Projektes absichern können.

Als weitere Qualitätssicherung meiner Arbeit halte ich ein umfassendes Konzept ein, welches sie auf dieser Grafik veranschaulicht sehen.

 

Qualitätssicherung als Leistungsprinzip im Heilpädagogischen Voltigieren und Reiten (HPVR)


1. Erstes Informationsgespräch (meist telefonisch).
2. Kennenlerntermin (60 Min.) unter Einbeziehung des Pferdes, gemeinsame, erste Ziel- und Ressourcenformulierung.
3. Erstellung eines Kosten- und Behandlungsplanes unter Berücksichtigung der Eindrücke und Informationen aus dem Kennenlerntermin.
4. Erste Therapiephase: Der teilnehmende Mensch lernt den Ablauf und die Möglichkeiten in der Arbeit mit dem Pferd kennen. Die Beziehung zum Pferd und zur Therapeutin baut sich auf (sechs bis acht Einheiten). Alle Einheiten werden dokumentiert.
Gleichzeitig: Ausfüllen eines Anamnesebogen, in welchem die Entwicklung, die familiäre Situation, Stärken, Schwächen, Diagnose und die Vorstellungen und Wünsche für das HPVR formuliert werden.
5. (Eltern)gespräch zur Rückmeldung der bislang gemachten Beobachtungen. Konkretisierung der Aussagen im Anamnesebogen. Konkrete Ziel- und Ressourcenformulierung.
6. Weiterführung der Therapie, mit ausführlicher Dokumentation jeder Einheit.
7. Rückmeldung und ggf. problemzentrierte Gespräche mit den Bezugspersonen (ggf. wöchentlich).
Bei Bedarf Vernetzung mit anderen, diesen Menschen begleitenden TherapeutInnen (z.B. Ergo-, Logo-, Physio-, PsychotherapeutInnen).
8. Ausführliche (Eltern)gespräche (alle vier bis acht Monate) zur Beratung und zur Rückmeldung der Entwicklung in der Therapie. Ggf. Aktualisierung der Ziel- und Ressourcenformulierung oder Planung des Therapieabschlusses.
9. Abschluss- oder Zwischenbericht (dann weiter bei Pkt. 6).
10. Abschluss der Maßnahme.

 

Zuletzt nun noch ein paar Worte zur finanziellen Seite: Der Richtwert für eine Therapieeinheit (60 Minuten) in einem Einzelsetting beträgt innerhalb der Arbeitsgruppe HPVR Berlin-Brandenburg momentan 55 Euro. Dieser Preis variiert dann jedoch je nach Setting und Bezahlungsmodus.

Über die Krankenkassen habe ich in sehr wenigen Ausnahmefällen eine Bezuschussung des HPVR als psychomotorische Übungsbehandlung erhalten. Nach Berichten anderer KollegInnen hatten auch sie solche Ausnahmefälle mit der Begründung als sensomotorisches Funktionstraining oder als psychomotorische Einzel-/Gruppenförderung.

Nach Rücksprache mit KollegInnen stellten wir fest, dass im Sinne des BSHG über die Paragraphen

  • § 39 Wiedereingliederungshilfe oder
  • § 40 Ambulante Jugendhilfe das HPVR schon ermöglicht wurde.

In den meisten Fällen konnte jedoch über das KJHG eine Unterstützung der Eltern gewährleistet werden, so z.B. über die Paragraphen

  • § 35 Intensive Einzelfallbetreuung,
  • § 35 A Eingleiderungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche oder
  • § 27 Hilfen zur Erziehung / päd. und therap. Leistungen oder
  • § 29 Soziale Gruppenarbeit.

Weitere Informationen zum Therapeutischen Reiten sind zu beziehen über das
Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V.
Freiherr-von-Langen-Str. 13
48204 Warendorf
Tel.) 02581 / 9279191

 

 

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